Ostersonntag – Easter Sunday Sermon in German

31. März 2013
Pfarrerin Karin I. Liebster
Christ the King Lutheran Church

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der christliche Glaube verlangt viel. Man könnte sogar sagen, der christliche Glaube ist anstrengend. Wenn man Christ geworden ist in der Taufe, kann man schlecht die Hände in den Schoß legen und annehmen, dass Gott schon regelmässig von sich hören lassen wird, und dann natürlich in den Augenblicken, wenn wir ihn ganz dringend brauchen, auch da ist. Der christliche Glaube wird dann lebendig und sinnvoll, wenn wir uns aktiv damit beschäftigen und auseinandersetzen damit, wo Gott in dieser Welt zu finden ist und wie wir ihm begegnen; herausfinden, was unsere Rolle und Berufung in dem Allen ist.

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus am Tag, als die Frauen das leere Grab entdeckten, sie werden von dem Fremden auf dem Weg im Prinzip gleich an die Arbeit gesetzt. Der Fremde weiss ja alles, aber das wissen die Jünger nicht. Weil er ihnen fremd ist, prägt sich ihnen das, was er sagt, ganz tief ein. Der Fremde sagt, „Ach ihr Toren, oder sagt er eigentlich, ach, ihr Dummköpfe? Träge seid ihr und ein bisschen gedankenfaul. Warum glaubt ihr denn nicht dem Zeugnis der Propheten?! Christus musste sterben. Und ja, die Frauen haben recht, er ist auferstanden.“ Und dann legt der Fremde ihnen die Schrift aus, die Bibel, vom ersten Teil, der Torah, an bis zu den Propheten und alles andere auch, die Psalmen und Schriften.

Damit gibt der Fremde den beiden Jüngern alles, was sie brauchen an diesem Tag, der so traurig und verwirrend ist, und es wird ihnen warm ums Herz.

Jesus legt den Jüngern das Studium der Schrift ans Herz. Wenn sie Gottes und Jesu Gegenwart erleben wollen, Jesus nahe sein wollen, dann finden sie das im Lesen, Diskutieren, Meditieren und Beten der Heiligen Schriften. Bis heute sind es dieselben geblieben auch für uns, die Heilige Schrift des Volkes Israel und dazu das Neue Testament mit den Evangelien, den Briefen, der Geschichte der Apostel und die Offenbarung des Johannes. Die ungeheure Menge an Texten und Material braucht nicht abzuschrecken. Es geht nicht um absolutes Wissen. Auch nicht um wortwörtlichen Glauben an den Buchstaben der Schrift. Sondern das aktive Lesen, gemeinsam darüber Sprechen, Meditieren und Beten, das Schärfen der Sinne, in dem sich das lebendige Wort Jesus Christus uns zeigt.

Etwas anderes, was uns hilft, den christlichen Glauben für unser eigenes Leben fruchtbar zu machen, demonstrieren uns die Jünger mit ihrem siebten Sinn, den Fremden zum Abendessen einzuladen.

Sie wissen immer noch nicht, wer er ist. Warum also laden sie ihn ein? Treten sie ihm nicht zu nahe mit ihrer Einladung? Vielleicht hat er ja noch andere Pläne, und sie sollten ihn besser nicht in Verlegenheit bringen, ihre Einladung ablehnen zu müssen.

Aber sie laden ihn ein. Zum Glück. Zu ihrem grossen Glück, denn beglückt sind sie nachher wahrhaftig, als Jesus sich ihnen offenbart, als sie endlich schmecken und sehen, es ist Jesus selbst, der da die ganze Zeit mit ihnen gewandert ist und ihnen zugehört hat und mit ihnen gesprochen hat! Was für ein Glück!

Die gemeinsame Mahlzeit ist der Moment, wo der siebte Sinn der Jünger, ihre Bereitschaft hinzuschauen, sich in Erkenntnis, in Wahrheit und Realität verwandelt. Jesus ist wirklich da, und sie haben wirklich zusammen Brot gebrochen und gegessen.

Zweierlei brauchen die Jünger also für ihr Leben als Christen: Studium der Schrift, aktives intellektuelles Interesse, Neugier und Entdeckergeist, und dazu ein Sinn, eine Bereitschaft, sich begegnen zu lassen. Vom Göttlichen, vom Heiligen Geist. Im Wort und im Teilen der Mahlzeit.

Christsein ist anstrengend, weil wir nie fertig sind mit dem Glauben lernen. Und dazu kann Christsein nicht im Kämmerlein, in Isolation gelebt werden, denn das Wort hören kann ich nur von jemand anders, und gemeinsam Brotbrechen braucht auch ein Minimum an Gemeinschaft.

Das Tröstliche an der Emmausgeschichte ist, dass eine alte Weisheit sich auch hier bewahrheitet: Wer sich auf den Weg begibt, lädt Engel ein. Engel gesellen sich zu Wanderern. Heilige und mit ihnen wir Getaufte, haben Begleitung auf dem Weg, wenn wir wirklich losgehen, unerwartete Gesellschaft, beschützend, und wegweisend.

Ich erinnere mich an eine andere Geschichte, in der auch Essen vorkommt und die Mahnung, dass alles was wir brauchen, wir in der Heiligen Schrift finden. Der reiche Mann und Lazarus.

Der reiche Mann lebt in Saus und Braus, jeden Tag ein herrliches Fest. Den armen Lazarus an seiner Tür sieht er gar nicht. Dann sterben beide. Lazarus wird von den Engeln in den Himmel getragen, der reiche Mann schmort in der Hölle. Er fleht um Erlösung, und dass wenigstens einer seinen Brüdern Bescheid gibt, dass sie sich vorsehen, dass ihnen nicht das gleiche Schicksal widerfährt. Abraham antwortet ihm, o nein, deine Brüder haben Mose und die Propheten, die Heilige Schrift. Das genügt. Sie haben alles, was sie brauchen.

Ja, sie haben alles, was sie brauchen, aber wer weiss, ob sie sich dessen bewusst sind. Wer weiss, ob sie sich die Zeit nehmen, zu reflektieren, zu lesen, zu diskutieren, sich aktiv mit dem Wort und dem Willen Gottes beschäftigen.

Der reiche Mann jedenfalls hat sich nie die Zeit genommen. Er hat sich nie auf einen Weg begeben, auf dem sich ein Fremder, ein Engel hätte zu ihm gesellen können. Er hat nie seine Augen aufgemacht, den Fremden vor seiner Tür, Lazarus, auch nur wahrzunehmen und ihn einmal zum Essen einzuladen.

Ostern, liebe Gemeinde, lädt uns ein, aktiv zu werden, und unsere Augen aufzumachen. Den Auferstandenen finden, ihn einladen, sich auf unserem Weg dazuzugesellen, ihm vielleicht sogar entgegengehen. Ostern lädt uns ein, gemeinsam zum Tisch zu kommen, Brot zu brechen, innehalten und unsere Sehkraft benutzen. Die Augen aufmachen und Gottes Welt sehen: Gottes neue Schöpfung in Christus und unseren Platz in Gottes Welt.

Diese Woche ist mir ein Gedicht über den Weg gelaufen. Von William Blake, der englische Maler und Dichter der romantischen Epoche. Es ist nicht so sehr die Frage, ob es die Auferstehung gibt, sondern ob wir sie sehen können. Es heisst, To see.

To see a world in a grain of sand,
And a heaven in a wild flower,
Hold infinity in the palm of your hand
And eternity in an hour.

Eine ganze Welt sehen in einem Sandkorn,
Einen ganzen Himmel in einer Wiesenblume,
Unendlichkeit in der flachen Hand halten,
Und Ewigkeit in einer Stunde.    William Blake (1757-1827), eigene Übersetzung

Eine gesegnete Osterzeit uns allen! Amen.